www.trinitaet-und-leben.de

Was ist Liebe?

Was ist Liebe?

„Liebe” ist so etwas wie ein Hauptwort unserer Zeit: ein Wort, das viel gebraucht wird und dessen Gehalt hoch im Kurs steht. Es wird wohl kaum jemand bestreiten, daß Liebe entscheidend für das menschliche Zusammenleben und deshalb ein hohes Gut ist. Und dennoch scheint es gerade an der Liebe zu fehlen. Denn wir erleben das Miteinander der Menschen oft kalt, hart und lieblos. Darum müssen wir genauer hinsehen, um dem Geheimnis der Liebe auf den Grund zu gehen.

1. Im Lieben finden wir uns selbst

Ich möchte mit der Geschichte eines Musikers beginnen. Stellen Sie sich vor, ein junger Mensch entdeckt die Welt der Musik. Er hört die Musik, er erlebt sie, und er lernt selbst ein Instrument spielen. Je mehr er es spielt und je intensiver er Musik hört, desto tiefer dringt er in diese Welt ein, desto besser versteht er die Musik. Er erlebt die Musik von innen her, hat immer neue Empfindungen und erlebt die tiefe Freude beim Musizieren. Zugleich stellt er fest, daß er sich von seinen Freunden mehr und mehr entfremdet. Denn sie empfinden nicht dasselbe wie er, sie erleben die Musik nicht so tief und verstehen sie nicht in gleicher Weise. So drängt es ihn danach, ihnen vorzuspielen und sie auf diese Weise an seinem eigenen Erleben teilhaben zu lassen. Er spürt die Freude, die darin liegt, das eigene Erleben mit den anderen zu teilen. Dieser Musiker erfährt, daß die Freude am eigenen Erleben und die Freude am Teilen dieses Erlebens zusammenfallen. Das eigene Glück beim Musizieren und das Glücklich-machen mit seiner Musik sind zwei Seiten derselben Medaille, sind im Grunde eins. Wollte er seine Musik nur für sich selbst genießen, wollte er einsam nur vor sich hin musizieren, dann hätte er auf Dauer keine Freude daran. Wollte er andererseits nur die anderen ergötzen, ohne selbst tiefe Freude an der Musik zu haben, ohne selbst begeistert von ihr zu sein, so könnte er auch den anderen nicht wirklich Freude bereiten. Glücklich mit seiner Musik ist er nur, wenn er mit anderen dieses Glück teilt; und nur wenn er andere mit seiner Musik beglückt, wird er selbst das Glück des Musizierens erleben.

Ähnlich ist es auch mit der Liebe. Wenn wir lieben, dann beglücken wir einen anderen Menschen. Und zugleich erleben wir, daß wir selbst glücklich dabei sind; daß unser Leben dann einen Sinn erhält, daß es ein erfülltes Leben ist. Und nur der wird ein erfülltes Leben haben, der anderen zu einem erfüllten Leben verhilft. Darum sollen wir lieben: um selbst glücklich zu sein, indem wir den anderen glücklich machen. Wir sollen nicht lieben, weil es moralisch allgemein anerkannt ist (das könnte sich auch wieder ändern), sondern weil es dem eigenen Lebenssinn entspricht. Darum sagt die Bibel: „Laßt uns einander liebhaben; denn die Liebe ist von Gott” (1 Joh 4,7). Die Liebe ist von Gott, ist etwas Göttliches, nicht weil sie uns oder den anderen guttut, sondern weil sie Gottes eigene Natur ist. „Gott ist die Liebe” (1 Joh 4,8.16). Gott ist nur so Gott, daß er liebt: Er hat darin die Fülle seines Seins. Er ist, indem er liebt, ganz er selbst, nämlich Gott. Indem Gott liebend ganz bei seinem Geschöpf ist, ist er ganz bei sich selbst als Schöpfer. Indem er ungeteilt beim Menschen Jesus ist, bei seinem ihm unvergleichlich nahestehenden „Sohn”, ist er ganz der freie Gott, ist er der in Freiheit liebende „Vater”. Gerade indem Gott in seiner Liebe aus sich herausgeht und in Jesus zu uns Menschen kommt, ist er und bleibt er bei sich selbst, der als Gott nichts anderes ist und sein will als der Liebende. Gott verliert sich nicht, indem er sich im Menschen Jesus uns hingibt. Das ist ein wichtiger Aspekt der Trinitätslehre: Gott ist beides - ganz Mensch, ganz bei uns, und zugleich ganz Gott, ganz bei sich; denn er will Gott sein nur so, daß er bei uns ist. Entsprechend soll es auch bei uns Menschen sein: Wenn wir wahrhaft lieben, dann sind wir ganz beim anderen, dem unsere Liebe gilt, und zugleich sind wir ganz bei uns selbst, beim Sinn und Wesen unseres Daseins.

Die Liebe ist also sozusagen nicht einfach selbstlos, sondern der Mensch findet sich selbst, wenn er liebt. So ähnlich wie ein Musiker, der zu sich selbst kommt, indem er mit seiner Musik aus sich herausgeht. Und das ist Gottes guter Wille für unser Leben: Wir sollen erfüllt leben, indem wir für andere leben; wir sollen uns selbst finden, indem wir den anderen finden.

2. Im Lieben sind wir bereit zum Verzichten

Was aber bedeutet es eigentlich, den anderen zu finden, ihn zu lieben? Wir müssen klären, was dieses viel gebrauchte Wort „Liebe” eigentlich bedeutet.

Ich möchte wiederum mit einer Geschichte beginnen, einer Erzählung von Edgar Allan Poe. Er erzählt von einer jungen Frau, die sich in einen begeisterten Maler verliebt. Die beiden heiraten, und nach und nach merkt die Frau, daß der Maler eigentlich schon in seiner Kunst eine Braut hat. So beginnt sie alles zu hassen, was mit seiner Malerei zu tun hat. Der Maler aber hat den innigen Wunsch, ein Gemälde von seiner Frau anzufertigen. Obwohl dieser das zuwider ist, willigt sie doch gehorsam ein und sitzt ihm Tage und Wochen Modell. Der Maler ist leidenschaftlich bei der Sache, und sein Herz frohlockt bei der Arbeit an seinem Werk. Er will nicht sehen, daß mit jedem Pinselstrich, der seine Frau abbildet, ihr Körper ein wenig mehr dahinwelkt. Je länger sie ihm Modell sitzt, je mehr das Werk Gestalt annimmt, desto mehr Leben weicht aus ihr. Das Gemälde wird zu einem wahren Wunderwerk, so ähnlich ist es der Frau. Und alle, die einen Blick auf das werdende Bildnis werfen dürfen, bemerken staunend, welch große Liebe des Malers zu seiner Frau es ausdrücke. Als sich das Werk der Vollendung nähert, wendet der Künstler kaum noch seine Augen von der Leinwand ab seinem Modell zu. Und er will nicht sehen, daß die Farben, die er auf die Leinwand setzt, den Wangen seiner Frau ihre Farbe entziehen. Schließlich setzt er den letzten Pinselstrich: ein letztes Glanzlicht auf einem Auge. Verzückt tritt er zurück, schaut das fertige Werk an und ruft beglückt und zugleich erschrocken aus: „Wahrlich, dies ist das Leben selber!” Und entsetzt ob dieser Erkenntnis blickt er zu seiner Frau und muß sehen, daß jedes Leben aus ihr gewichen ist: Sie ist tot.

Was ist Liebe? Dieser Maler jedenfalls liebte seine Frau offensichtlich nicht. Er liebte das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, aber nicht den Menschen, der vor ihm saß. Er liebte seine Kunst, und als Objekt seines Malens war ihm seine Frau lieb und teuer. Er begehrte sie als ein Objekt seiner Leidenschaft. Aber reines Begehren kennt keine Rücksicht, sondern nimmt sich, was es kriegen kann. Der Begehrende sucht nur das eigene Wohl. Indem das Wohl des anderen ihm gleichgültig ist, tötet er ihn.

Ich frage mich, ob nicht manches Mal, wenn in hohen Tönen von der Liebe die Rede ist, eigentlich dieses Begehren gemeint ist, das nur oder hauptsächlich das eigene Wohl sucht. So sehr auch das Begehren zur Liebe gehört, so sehr geht die Liebe nicht darin auf. Sie ist vielmehr das Fundament, auf dem das Begehren erst zu seinem Recht kommt. Das Begehren ist nicht selbst die Liebe, ebensowenig wie eine Haltung, die so lange zum anderen steht, wie dieser mir nützen kann. Ich vermute, auch in diesem Sinn wird das Wort „Liebe” heute oft gebraucht: Ich suche nur so lange das Wohl des anderen, wie er zu meinem eigenen Wohl beiträgt. Solch eine „Liebe” kann sehr charmant und zuvorkommend sein - aber eben nur auf Zeit. Nur so lange, wie der andere mir von Nutzen ist.

Echte Liebe ist etwas anderes. Echte Liebe steht verläßlich und unwiderruflich zum anderen. Sie sucht sein Wohl auch dann, wenn er mir nicht nützt. Der wahrhaft Liebende stellt die eigenen Interessen zurück, er nimmt sich selbst zurück zugunsten des anderen. Er ist bereit, um des anderen willen zu verzichten, ja zu leiden. Er verliert sich aber nicht, indem er verzichtet, sondern er findet sich gerade so. Das ist göttliche Liebe, so wie Jesus sie uns gezeigt hat, wie er sie gelebt hat. Durch ihn hat Gott uns die Größe seiner Liebe offenbar gemacht. „Gott hat uns seine Liebe gezeigt, indem er diesen einzigartigen Menschen Jesus zu uns sandte, und er sandte ihn, damit wir leben können” (nach 1 Joh 4,9). Gottes Göttlichkeit, Gottes Lebensfülle besteht gerade darin, zugunsten der Welt im Menschen Jesus aus sich herauszugehen und sich auf das Leben in der Welt mit allem Negativen bis hin zum Tod einzulassen. Auch das ist ein Aspekt der Trinitätslehre: Gott ist nicht unberührt von Schuld und Tod, sondern er geht ein in unsere Welt, um uns so seine Liebe zu zeigen - damit auch wir entsprechend leben können. Gerade darin besteht das Gottsein Gottes, gerade so ist er Gott in seiner Fülle. Und so besteht auch für uns ein echtes, erfülltes Leben gerade darin, nichts anderes zu tun als zu lieben.

Ich behaupte: Diese Art Liebe ist nicht populär. Verzichten, sich selbst zurücknehmen zugunsten des anderen steht nicht hoch im Kurs. Im Gegenteil: Die Gesellschaft ist auf Gewinn programmiert. Man sucht den eigenen Vorteil, sucht sich durchzusetzen, was meist auf Kosten des anderen geht. So aber gibt es keine Liebe und auch nicht das, was die Bibel Leben nennt. So werden wir in all unserem Tatendrang und in unserer Leidenschaft den anderen töten - und uns selbst mit ihm. Denn ohne Liebe verliert unser Leben seinen Gehalt, seinen Sinn, seine Bedeutung - es ist, auch wenn wir biologisch lebendig sind, ein totes Leben.

3. Im Lieben sind wir von Gott beschenkt

Aber wie schaffen wir das, in dieser Weise zu lieben, daß wir bereit sind zurückzutreten, zu verzichten, ja zu leiden? Kein Mensch möchte leiden. Die Liebe aber, so wie wir sie verstanden haben, stellt den Anspruch, stets zum Leiden bereit sein. Können wir uns solche Liebe vornehmen wie einen guten Vorsatz zum Jahreswechsel?

Ich bin sicher, daß wir uns zu solcher Liebe nicht in einem Kraftakt aufschwingen können. Solche Liebe können wir „Macher” nicht produzieren. Meine Überzeugung ist: Wo solche Liebe geschieht, da ist Gott am Werk. Weil die Liebe von Gott ist, darum müssen wir, um zu lieben, von Gott diese Liebe empfangen. Wir müssen andere, neue Menschen werden: von Gott hervorgebrachte, von Gott geborene Menschen. „Wer liebt, der ist von Gott geboren” (1 Joh 4,7). Da sind wir ganz empfangende Menschen. Wie alle wesentlichen Dinge unseres Lebens können wir auch die Liebe nur empfangen. Wir empfangen Gottes Kraft, die uns lieben läßt. Darum sollen wir Menschen sein, die um seine Kraft bitten und für sie danken. Daß Gott selbst die Liebe und das Leben wirkt, das er selbst ist - das ist ein weiterer Aspekt der Trinitätslehre. Traditionell formuliert: Gott wirkt im Heiligen Geist das Leben, das er uns in Jesus Christus offenbart hat. Dieser Aspekt, auf den ich hier nur kurz hinweise, ist nicht weniger wichtig als die zuvor genannten. Denn Gottes Kraft ist der Grund unseres Lebens, den wir nicht selber legen können. Wir können nur eins: bittende und dankbare Menschen sein.