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Gott - das höchste Wesen?

Gott - das höchste Wesen?

1. Die allgemein-religiöse und die biblische Vorstellung von Gott

Nicht wenige Menschen sagen von sich, sie glaubten an einen Gott. Sie stellen sich diesen Gott als ein höchstes Wesen vor, das den Kosmos geschaffen hat, das über allem steht und mächtiger ist als alle uns bekannten Mächte. Oft habe ich schon gehört: „Da muß etwas sein, was das alles erschaffen hat.” Menschen glauben, daß ein Wesen, das wirklich Gott ist, allem anderen überlegen sein muß. Oder anders ausgedrückt: Die Göttlichkeit Gottes besteht nach verbreiteter Ansicht gerade darin, allem Menschlichen und Weltlichen überlegen zu sein. Und ist es nicht wirklich so, daß schon das Wort „Gott” genau dies besagt: Ein „Gott” muß allmächtig, allgegenwärtig, allwissend, ewig und von allem menschlichen Leid unberührt sein, es muß ihm also alle weltliche Beschränktheit, Vergänglichkeit und Leidverfallenheit fremd sein - sonst wäre es nicht Gott.

Wer sich allein vom Wort „Gott” leiten läßt, muß wohl zu solchen oder ähnlichen Überlegungen kommen. Ein „Gott” ist eben kein Mensch, sondern eine dem Menschen in jeder Hinsicht überlegene Macht. Es ist aber ratsam, sich nicht von der allgemeinen Bedeutung des Wortes „Gott” leiten zu lassen. Die Bibel schildert uns Gott ganz anders. Sie erzählt von einem Gott, der in dem Menschen Jesus in die Welt hinabgekommen ist, der in Jesus ein menschliches Leben gelebt und das Geschick des Menschen bis hin zum Tode geteilt hat. Und dieses Geschehen war nicht nur eine Episode im Leben Gottes, die eine Zeit lang währte und schon längst der Vergangenheit angehört, sondern dieses Geschehen bezeichnet das Wesen Gottes, das heute noch dasselbe ist wie vor 2000 Jahren. Gott ist gerade darin Gott, daß er Mensch wird. Oder anders gesagt: Die Göttlichkeit des dreieinigen Gottes besteht gerade darin, menschliche Gestalt anzunehmen und sich so zum Menschen zu erniedrigen (vgl. Phil 6-8).

Die Vorstellung der Bibel von Gott unterscheidet sich also von den allgemeinen religiösen Anschauungen darüber, was ein Gott sein müßte. Nach der Bibel ist Gott nicht ein Gott, der fern von uns Menschen und unberührt von dem, was in unserer Welt geschieht, existiert. Sondern er ist ein Gott, der sich von unserem menschlichen Geschick berühren läßt, der mit uns fühlt und mit uns leidet, mit anderen Worten: der uns liebt. Denn Lieben bedeutet, das Geschick des Geliebten zu teilen (vgl. z.B. Jer 4,19; 31,20). Ein ferner, in unerreichbarer Höhe thronender und vom Geschehen in der Welt unberührter Gott könnte uns nicht lieben. Er könnte aus seiner Höhe auf uns herabsehen und den Kopf schütteln über so viel menschlichen Unverstand, aber er könnte nicht mit uns sein - mit uns die beschwerlichen und glücklichen Wege gehen, mit uns unsere Verzweiflung und Freude teilen. Ein von allem Menschlichen losgelöster (lateinisch: ab-soluter) Gott könnte nicht an unserer Seite stehen.

2. Der leidende Gott an unserer Seite

Gerade dies aber, daß Gott an unserer Seite steht und mit uns fühlt, sagt die Bibel im Alten und Neuen Testament von Gott aus. Gott geht mit seinem Volk Israel, begleitet es durch seine Geschichte, leidet mit ihm und leitet es auf guten Wegen (Ex 3,7f; 29,45f). Gottes Hoheit, seine „Heiligkeit”, besteht gerade darin, bei uns zu sein und unser Leben zu teilen. Er ist „heilig in deiner (nämlich Israels) Mitte” (Hos 11,9). Nach christlichem Verständnis hat diese Weltbezogenheit Gottes im Leben des Menschen Jesus sein Zentrum. In diesem Jesus liefert Gott sein Eigenstes, nämlich seinen „Sohn”, an die Menschen aus, leidet er unter der zerstörerischen Macht der Sünde, erträgt er menschliche Schmerzen und den menschlichen Tod. Indem Gott nicht etwas von seinem Eigenen, sondern sein ihm Eigenstes und mit diesem Eigensten sich selbst hingibt, erniedrigt er sich, gibt er sich preis an den Menschen, erduldet er das, was man ihm zufügt, ohne seine Peiniger zu zerschlagen. Gott leidet lieber selbst, als seinem geliebten Geschöpf Leid zuzufügen.

Übersetzt in unsere Zeit heißt das: Gott ist an der Seite der Leidenden und Sterbenden in den Krankenhäusern und Elendsvierteln dieser Welt, er nimmt Anteil am Leid der Verfolgten, Geschundenen und Benachteiligten, er weint mit den Verzweifelten und Hoffnungslosen, er fühlt die Schmerzen der Gefolterten und weiß um das Unrecht, das Menschen einander zufügen. Gott lebt sein göttliches Leben so, daß er leidend an unserem Leid teilnimmt. Er ist uns nicht fern, sondern nah in unserer Not. Er läßt Unrecht geschehen und läßt es zu, daß Menschen leiden, aber er läßt es nicht zu als stiller Beobachter aus der Distanz heraus, sondern er läßt es an sich selbst geschehen. All das Elend dieser Welt erleidet Gott mit. Er läßt es geschehen, daß Menschen Unrecht tun und andere quälen, weil er alle Menschen liebt - auch die Übeltäter. So heißt es in Hes 33,11: „So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe.” Deshalb vernichtet Gott nicht alle Übeltäter mit einem Schlag, wie wir es uns vielleicht manchmal wünschen, sondern er läßt sie eine Zeit lang gewähren. Er leidet lieber unter ihnen, als sie zu töten.

Ist das ein machtloser Gott? Ein Papiertiger, der dem Leid bedingungslos ausgeliefert ist? Was kann uns solch ein Gott Gutes tun, wenn er selbst unter dem Bösen leidet? Kann man an einen solchen Gott überhaupt glauben - einen Gott, der so viel Elend zuläßt?

3. Der mächtige Gott an unserer Seite

Zunächst einmal bin ich froh, daß die Bibel uns Gott so beschreibt. Ein leidender Gott ist mir lieber als einer, der fern von allem Menschlichen über dieser Welt thront und mit ihr eigentlich nichts zu tun hat. Nur den mitleidenden Gott kann ich im Leid an meiner Seite wissen. Nur er versteht mich und kennt meine Schmerzen. Zwar verstehe ich oft ihn nicht, verstehe nicht, warum er schweres Leid über Menschen kommen läßt. Aber ich kann darauf vertrauen, daß die leidenden Menschen nicht aus seiner Hand fallen. Und daß das Leiden für sie ein Ende haben wird. Denn dieser Gott erlebt zwar Leid und Tod, aber er geht in Leid und Tod nicht unter.

Es ist wichtig, das festzustellen. Gott ist nicht nur der leidende und sterbende „Sohn”, sondern er ist auch der freie und ewige „Vater”. Er ist frei, das heißt: Gott selbst bestimmt über sein Geschick. Leid und Tod sind ihm nicht aufgedrängt, sondern es ist seine freie Entscheidung, sich Leid und Tod auszusetzen. Er entscheidet sich dafür, weil er liebend an unserer Seite sein will. Gott ist „ewig”, das heißt: Seine Liebe ist stärker als der Tod (vgl. Hhl 8,6). Der Tod reißt uns aus allen Beziehungen heraus - er ist die Macht der Beziehungslosigkeit. Gottes Liebe aber erhält die Beziehung zu uns durch den Tod hindurch aufrecht, so daß der Tod seine Macht der Beziehungslosigkeit letztlich nicht verwirklichen kann. Gerade indem Gott uns liebt, und zwar trotz unserer Sünde und über unseren Tod hinaus, raubt er Sünde und Tod ihre zerstörerische Macht.

Er tut das nicht aus der Distanz heraus. Er ist mit uns verbunden, so wie er mit seinem „Sohn” Jesus verbunden war. Gott hat den Tod Jesu selbst erlitten, aber zugleich die Beziehung zu Jesus aufrechterhalten. Nichts anderes sagt die Geschichte von Jesu Auferweckung: Der Tod konnte Jesus nicht in die Beziehungslosigkeit stürzen, weil Gott die Beziehung zu ihm aufrechterhielt. Er blieb eins mit dem gekreuzigten Jesus und nahm ihn auf in sein ewiges Leben. Jesus mit all seinem Leiden und Sterben gehört zur Wirklichkeit Gottes. Auch die Macht der Sünde, die sich an Jesus ausgetobt hat, gehört zur Wirklichkeit Gottes. Aber als überwundene Macht. Als eine Macht, die ihre Kraft bereits verloren hat, weil sie nicht von Gottes Liebe trennen kann. So ist Gott der Liebende und als solcher der Leidende, gerade darin aber der das Leid und seine Macht Überwindende. Das ist die Botschaft von der Dreieinigkeit Gottes.

Kann man sich Gott nicht auch anders vorstellen, nämlich so, daß er die Menschen aus der Distanz heraus in sein ewiges Reich aufnimmt? Warum muß Gott leiden, um den Tod zu überwinden? Die Gegenfrage lautet: Was wäre das für eine Beziehung, die Gott zu uns hätte, wenn er an unserem Leiden nicht teilnehmen würde? Es wäre eine sehr distanzierte Beziehung, eine Beziehung, in der wir Objekte des göttlichen Handelns wären, jedenfalls keine Beziehung der Liebe. Und Sünde und Tod wären nur Episoden in unserem Leben, nicht wirklich ernst zu nehmen. Sie sind aber ernst, und Gott nimmt sie ernst. So ernst, daß er sie selbst in Jesus Christus erleidet. Gott nimmt die Wirklichkeit der Sünde und des Todes, die Jesus erleiden mußte, in sich auf, macht sie zu seiner Wirklichkeit, und gerade, indem er Sünde und Tod so ernst nimmt und dennoch die Beziehung zu seinem Sohn aufrechterhält, bleibt er sich selbst als der liebende Vater treu und besiegt die Macht von Sünde und Tod. Die Beziehungslosigkeit hat nicht gesiegt. Gott hat sie nicht ignoriert, sondern erlebt, sich mit ihr auseinandergesetzt, und gerade indem er sich mit ihr auseinandersetzte, hat er ihr nicht das letzte Wort überlassen.

4. Der tätige Gott an unserer Seite

Woher kommt die Macht, die es Gott erlaubt, die Beziehung zu uns durch Sünde und Tod hindurch aufrechtzuerhalten? Sie kommt Gott nicht von außen her zu, sondern sie gründet in Gott selbst, in ihm allein. Gott selbst ist die über Sünde und Tod hinaus Gott und Mensch vereinende Kraft. Die Bibel nennt diese Kraft der Einigung „Gottes Geist”. Es ist wichtig, daß diese Kraft der Einigung nicht aus uns Menschen heraus kommt. Sonst wären wir gezwungen, uns selbst zu erlösen. Ein „höchstes Wesen”, das keine oder nur eine eingeschränkte (nämlich nicht an unserer Seite leidende) Beziehung zu uns hat und das deshalb Sünde und Tod nicht kennt, müßte wohl von uns fordern, die Sünde und damit den Tod selbst zu besiegen. Wir wären dann die permanent Geforderten und Überforderten.

So kann man den dreieinigen Gott verstehen: Er ist Gott der Liebende (der „Vater”), zugleich aber in Jesus Christus der geliebte Mensch (der „Sohn”) und außerdem die beide vereinende Kraft der Liebe (der „Heilige Geist”). Er ist kein höchstes Wesen, sondern der Höchste nur als der, der in unserer Niedrigkeit gegenwärtig ist. Er ist allmächtig nicht in dem Sinne, daß er keine andere Macht neben sich duldet, sondern darin, daß er selbst die Macht von Sünde und Tod erlebt und, indem er sie erlebt, ihnen ihr Daseinsrecht bestreitet. Er ist ewig nicht in seiner Unberührtheit von allem Vergehen, sondern in seiner niemals endenden Treue zu uns Vergehenden, indem er unwiderruflich teilnimmt an unserem Leiden und Sterben und gerade so die Beziehung zu uns aufrecht erhält. In diesem Gott können wir froh werden - sogar, wenn wir leiden und sterben.

Ist das alles eine theologische Konstruktion? Es ist ein Versuch, den dreieinigen Gott zu verstehen - mit den beschränkten Möglichkeiten unseres Verstandes. Fragen werden immer bleiben. Aber wir müssen - trotz aller Fragen und Unzulänglichkeiten unseres Verstehens - von Gott reden. Schon um zu vermeiden, daß Gott als ein „höchstes Wesen” jenseits unserer Wirklichkeit, das mit unserem Leben eigentlich nichts zu tun hat, mißverstanden wird.