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"Du bist, was du tust" - oder nicht?

"Du bist, was du tust" - oder nicht?

1. Unsere Taten und unser Ansehen

Wir Menschen sind handelnde Wesen. Wenn wir nicht gerade schlafen, dann sind wir in irgendeiner Weise aktiv und verfolgen damit einen bestimmten Zweck: Wir essen, wir arbeiten, wir machen uns Gedanken, wir ruhen uns aus. Ja, auch das Ausruhen ist eine Aktivität: etwas, das wir bewußt und zweckgerichtet vollziehen. Es ist gut, daß wir aktive, handelnde Wesen sind. Denn nur so können wir etwas bewirken, kreativ sein, unser Leben gestalten. Vor einigen Wochen habe ich - ich weiß nicht mehr wo - den Satz gelesen: „Du bist, was du tust”. Der Satz meint: Unsere Taten bestimmen unseren Lebensstil und Lebensweg. Sie bestimmen auch unser Ansehen bei den Mitmenschen; denn diese beurteilen uns meist danach, was wir getan haben. Unsere Taten sind gefragt im Beruf, im Alltag, bei Spiel und Hobby. Unsere Taten bestimmen schließlich auch das Bild, das wir selbst von uns haben: Wir freuen uns, wenn unser Handeln uns dem Ziel, das wir uns gesetzt haben, ein Stück nähergebracht hat, wenn wir erfolgreich sind und andere unser Schaffen anerkennen. Mit einem Wort: Was jeder einzelne von uns ist, wird durch sein Tun bestimmt, mit dem er sich von allen anderen unterscheidet. „Du bist, was du tust”.

Unsere Gesellschaft ist von diesem Gedanken tief geprägt. In der Arbeitswelt zählen ausschließlich unsere Taten: Der Wert meiner Arbeit bemißt sich nach dem, was dabei Nützliches herauskommt. Und auch im Blick auf das private Leben sind wir aufgerufen, das Beste daraus zu machen. „Jeder ist seines Glückes Schmied”, sagt ein altes Sprichwort. Jeder bestimmt selbst, was er aus seinem Leben macht. In der Fülle der Anforderungen sind wir sogar gedrängt, viele Dinge gleichzeitig zu bedenken und auszuführen. „Multitasking” nennt man das heute. Wir sollen nicht nur eine Aufgabe erledigen, sondern mehrere gleichzeitig.

2. Unsere Taten und der Burnout

Ich weiß nicht, wie Ihnen bei diesen Sätzen zumute ist. In mir jedenfalls sträubt sich alles. Nein, denke ich, ich bin nicht nur das, was ich tue - ich bin viel mehr. Ich bin ein Mensch mit Gefühlen, mit Bedürfnissen, mit Wünschen; ein Mensch, der eine Familie hat und Freunde und in diesen Beziehungen verankert ist. Ich möchte nicht nur nach meinen Taten beurteilt werden und auch mich selbst nicht nur im Licht meiner Taten sehen. Ich möchte als wertvoller Mensch anerkannt sein, auch wenn ich nichts Verwertbares geleistet habe oder meine Taten sogar Unheil gebracht haben. Kurz: Ich möchte geliebt sein, nicht um meiner Taten willen, sondern bedingungslos.

Ich glaube, daß jeder Mensch diese tiefe Sehnsucht in sich trägt: mehr zu sein als das, was er tut; etwas zu gelten, eine Bedeutung zu haben, auch wenn er nichts leisten kann. Ich könnte es mir jetzt leicht machen und sagen: Gott liebt jeden Menschen so, wie er ist: unabhängig von seinen guten oder schlechten Taten. Im christlichen Glauben weiß ich also darum, daß ich ein wertvoller Mensch bin, wie unvollkommen und verwerflich meine Taten auch sein mögen. Das wäre eine schnelle und einfache Antwort. Aber so einfach ist es nicht. Denn auch im christlichen Glauben spielen die Taten des Menschen eine entscheidende Rolle. „Laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen”, fordert uns Matthäus auf (Mt 5,16). Und Jakobus schreibt uns ins Stammbuch: „So ist der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber” (Jak 2,17). Der Glaube und die dem Glauben entsprechenden Taten gehören untrennbar zusammen. Wir sollen den Willen Gottes tun (Mt 12,50), sollen auf seinen Wegen wandeln (Joh 8,12), und alle unsere Taten sollen zu seiner Ehre geschehen (1 Kor 10,31). Paulus spricht sogar von dem „gerechten Gericht Gottes”, bei dem Gott „einem jeden geben wird nach seinen Werken” (Röm 2,5f). Unsere Taten sind also keineswegs bedeutungslos und gleichgültig, sondern sie sind entscheidend dafür, daß unser Glaube glaubwürdig ist und andere Menschen davon überzeugen kann, ebenfalls an Gott zu glauben.

Besonders Menschen, die leidenschaftlich und mit ganzem Einsatz andere zum Glauben an Gott einladen wollen, denen es ein brennendes Anliegen ist, überzeugend auf andere zu wirken, messen ihren Taten oft eine große Bedeutung zu. Sie setzen alles daran, einen wahrhaftigen und überzeugenden Glauben zu leben. Sie versuchen mit allen Möglichkeiten, andere Menschen mit der Botschaft des Glaubens zu erreichen, und möchten dabei keine Chance auslassen. Man kann sagen: Sie „brennen” für die Sache Gottes. Und sie stehen in der großen Gefahr, dabei zu verbrennen - auszubrennen. Wer ausgebrannt ist, hat keine Energie mehr in sich. Das Feuer ist erloschen, die Kraft seiner Taten ist versiegt. Er kann nichts mehr tun. Er ist am Ende seiner Kräfte, ein vom Winde verwehter letzter Rauchwirbel des erloschenen Feuers.

Dahin kann es führen, wenn Menschen ernst machen damit, daß der Glaube nicht ohne die ihm entsprechenden Taten sein kann. Wie aber kann es so weit kommen? Was ist falsch gelaufen, wenn ein Mensch „ausgebrannt” ist? Das sogenannte Burnout-Syndrom ist ein Phänomen unserer Zeit. Unsere Zeit treibt die Menschen dazu, bis zur Erschöpfung und zum Versiegen ihrer Kräfte zu arbeiten. Unsere Gesellschaft - die Gesellschaft, die von uns geformt wird - fordert viele Menschen so sehr, daß sie permanent überfordert sind. Permanente Überforderung aber führt zum Burnout. Dazu kommt, daß die erbrachte Leistung oft nicht angemessen honoriert wird; daß dem, der an den Grenzen seiner Kräfte arbeitet, die Anerkennung versagt wird; daß wir die Liebe, nach der wir uns sehnen, gerade nicht bekommen. Was macht unsere Gesellschaft so brutal, daß Menschen an ihr kaputt gehen?

3. Unsere Taten und unsere Freiheit

Gott hat uns als handelnde Menschen geschaffen. Und das ist, wie gesagt, gut so. Aber wie alles, was unser Leben ausmacht, birgt auch unser Handeln eine Gefahr in sich. Es ist die Gefahr, die eigenen Taten auf den Sockel zu heben und zum Maß aller Dinge zu machen. Es fehlt dann ein Korrektiv zu unserem Tatendrang. Es fehlt ein Maßstab dafür, welche Bedeutung unsere Schaffenskraft eigentlich hat. Es fehlt das Bewußtsein, daß letztlich nicht unsere Taten unser Leben bestimmen, sondern Gottes Handeln für uns. Wer Gott ausklammert, dem bleibt nur die eigene Aktivität, um sein Glück zu schaffen. Er ist verdammt dazu, alles aus sich herauszuholen. Wo Gott fehlt, muß der Mensch seinen Platz einnehmen und für das Glück sorgen. Wo Gottes Taten ausgeblendet werden, muß der Mensch sich selbst das Heil erarbeiten. In einer Welt, in der Gott keine Rolle mehr spielt, kann es nur immer neue Anforderungen an den Menschen geben, die ihn zuletzt überfordern. Wo das göttliche Feuer nicht mehr brennt, brennt der Mensch aus.

Die befreiende Botschaft des christlichen Glaubens ist, daß Gott für uns und für sich selbst in dieser Welt alles tut, was nötig ist, so daß wir selbst uns nicht zerreißen müssen - weder für uns noch für ihn. Wir müssen nichts tun. Aber wir tun etwas, weil Gott uns dazu bewegt; weil er nicht ohne uns handeln will. „Ich lebe”, schreibt Paulus Gal 2,20, „doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.” Was Paulus tut, das sind die Taten Christi, der in ihm ist. Wollen und Handeln des Glaubenden sind bestimmt von Gott selbst, so daß sein menschliches Wollen und Handeln dem Wollen und Handeln Gottes entspricht. „Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen” (Phil 2,13). Der Gott, an den Christen glauben, ist eben nicht einer, der fern von uns in seiner Höhe sitzt und unser Handeln beobachtet. Sondern er ist einer, der zu uns herab und in uns hinein kommt und der in uns zu handeln anfängt, so daß wir selbst in seinem Sinne zu handeln anfangen. Wir handeln im Sinne Gottes, nicht weil wir uns dazu zwingen, sondern weil es unser innerster Wunsch ist, so zu handeln. Denn Gottes Kraft ergreift uns und prägt auch unser Wünschen und Wollen. Der „Gott in uns” verändert uns, so daß es zu unserer „Natur” wird, Gutes zu tun, und wenn wir dieses Gute dann doch nicht tun, dann handeln wir gegen unsere eigene Natur. So stark ist Gott, daß er uns von innen her verändert.

Das macht frei. Denn das ist die entscheidende Kritik an aller Überforderung und allem menschlichen Machbarkeitswahn. Wer weiß, daß es nicht auf seine eigenen Taten ankommt, sondern auf das, was Gott durch ihn tut, der ist frei von den Forderungen, die andere und er selbst an sich stellen. Er weiß ja, daß es nicht auf die eigene Schaffenskraft ankommt, sondern auf Gottes Kraft, die in ihm ist. Darum kann er „Nein” sagen, wenn Forderungen an ihn herangetragen werden. Er kann sich guten Gewissens Zeiten der Entspannung und des Nichtstuns gönnen, und gerade so kann sein Feuer weiterbrennen, ohne daß er innerlich ausbrennt. Er legt das Gute, das auf Erden geschehen soll, getrost in Gottes Hände; denn er weiß, daß es dort am besten aufgehoben ist.

Gott macht uns also frei, indem er in uns handelt und uns zum Guten bewegt. Doch muß zum Schluß noch eins hinzugefügt werden: Gott bewegt uns zwar zum Guten, aber er zwingt uns nicht. Sein Handeln in uns macht keine Marionetten aus uns, die am göttlichen Faden hängen und keinen eigenen Willen mehr haben. Wir können uns der Bewegung, in die Gott uns versetzt, widersetzen. Wir können, wie ich schon sagte, gegen unsere eigene Natur handeln, und wir tun es faktisch immer wieder. Darum gibt es in der Bibel die vielen Mahnungen, im Sinne Gottes unser Leben zu führen. Wir sollen nun auch wirklich das tun, wozu Gott uns in Bewegung setzt. Wir sollen weder faul sein, indem wir unsere Hände in den Schoß legen, noch aktivistisch, indem wir unseren Händen zu viel zumuten. Beides wird dem, was Gott durch uns tun will, nicht gerecht; beides trennt uns von der Kraftquelle, die Gott selbst in uns ist. Daß wir aus dieser Kraftquelle schöpfen, dazu rufen uns die biblischen Mahnungen auf. Und der Satz des Paulus, daß Gott am Ende „einem jeden geben wird nach seinen Werken” (Röm 2,5f), schärft uns ein, diese Kraftquelle nicht zu mißachten, sondern aus ihr zu leben. Dann wird sich unser Leben am Ende nicht als ein sinnlos gelebtes, verlorenes, „totes” Dasein erweisen, sondern als ein durch Glaube und Taten reiches, erfülltes Leben.

4. Unsere Taten und der dreieinige Gott

Der Glaube an den dreieinigen Gott erlaubt uns, Gott so zu denken: Er ist nicht nur der, der über uns steht und uns gebietet, was wir tun sollen. Und er ist nicht nur der, der neben uns steht und mit uns erleidet, was uns angetan wird. Sondern er ist auch der, der in uns ist als die Bewegung, die uns zu einem erfüllten Leben im Sinne Gottes treibt.

Gott ist nicht von seinem Handeln geschieden, sondern er ist eins mit seinen Taten. Gott tut, was er ist, und er ist, was er tut. Er ist so sehr eins mit seiner Liebe, daß er das Lieben selbst ist. Er beschenkt uns deshalb nicht von außen mit seiner Kraft der Liebe; dann gäbe er uns etwas von sich, das nicht er selbst wäre. Sondern Gott beschenkt uns mit sich selbst, kommt selbst in uns hinein und ergreift mit seinem Wesen der Liebe Besitz von unserem Wesen, das dadurch erneuert wird.

„Du bist, was du tust” - dieser Satz gilt allein von Gott, der tatsächlich ist, was er tut, aber zugleich auch tut, was er ist. Wir Menschen sind niemals vollständig mit unseren Taten eins - es sei denn, es geschieht das Wunder, daß wir ganz aus der Kraft Gottes leben. Dann sind auch wir das, wonach wir uns alle sehnen: ganz gewordene, heil gewordene Menschen; Menschen, die in der Einheit und Ganzheit von Sein und Tun leben; ganz geliebte und liebende Menschen.


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Foto oben: Mutters Hände, © Virra /
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