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Was ist der Sinn des Lebens?

Was ist der Sinn des Lebens?

„Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns?” Mit diesen Worten beginnt der Philosoph Ernst Bloch sein Hauptwerk „Das Prinzip Hoffnung”. Es sind die Fragen des Menschen nach dem Sinn seines Lebens, Fragen, die der über sich selbst und sein Leben nachdenkende Mensch schon immer stellte. Bloch sucht die Erfüllung menschlichen Daseins in der Zukunft, und so schließt er sein dreibändiges Werk mit dem Hinweis auf etwas, das noch aussteht, etwas, „das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

Jedem Menschen stellt sich irgendwann die Frage nach dem, was sein Leben ausmacht, was Grund seines Lebens ist. Welche Bedeutung hat eigentlich mein Leben? Was bedeutet es für mich zu leben? Was ist mir entscheidend wichtig? Was will ich mit meinem Leben anfangen, wer will ich sein oder werden? Was ist der Sinn des ganzen?

Ich möchte versuchen, eine mögliche Antwort auf diese Frage zu geben. Es ist eine Antwort, die sich aus dem christlichen Glauben speist. Andere Menschen geben andere Antworten. Jeder muß die seine finden. Meine persönliche Antwort bietet mir das, was auch der Philosoph Bloch suchte: Heimat.

1. Der einsame Mensch

Wir sind Menschen, die über ihr Leben selbst bestimmen möchten. Kein anderer soll uns reinreden. Wir entscheiden selbst, was wir tun oder lassen. Wir setzen uns Ziele und geben uns Regeln für unser Verhalten. Was gut und schlecht ist, bestimmen wir selbst. Aber wir regeln nicht nur unser eigenes persönliches Leben, sondern gestalten die ganze Welt nach unseren Vorstellungen. So wird der selbstbestimmte Mensch zum Mittelpunkt des Universums, weil von ihm alle Entscheidungen ausgehen. Im Grunde wird jeder einzelne Mensch für sich selbst zum Mittelpunkt, indem er sagt: „Ich bestimme über mein Leben. Ich entscheide, was gut und schlecht ist - für mich selbst und für die Zukunft der Welt.”

An sich ist es nicht falsch, sein Leben aufgrund eigener Überlegungen und Überzeugungen zu gestalten. Wir sollen ja nicht willenlos dahinvegetieren oder uns fremdbestimmt in unser Schicksal ergeben, sondern über die Erde herrschen, indem wir sie bebauen und bewahren (vgl. 1. Mose / Genesis 1,28). Problematisch wird es jedoch, wenn wir die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen über alles andere stellen. Denn dann geschieht es, daß viele selbstbestimmte Menschen, die alle sich selbst als den Entscheidungs-Mittelpunkt des Universums betrachten, in Konkurrenz zueinander treten. Denn keiner lebt sein Leben unabhängig von seinen Mitmenschen. Jede Entscheidung, die ich treffe, betrifft immer auch die Menschen um mich herum. Wenn also jeder selbst über sein Leben bestimmen will, dann bestimmt er auch mit über das Leben der anderen. Und wo viele, die selbst bestimmen wollen, aufeinandertreffen und nicht in der Lage sind, von sich selbst als Entscheidungs-Mittelpunkt abzusehen, da kommt es zum Kampf gegeneinander.

Kampf und Konkurrenz aber machen einsam. Wer gegen den anderen kämpft, kann kein Miteinander mit ihm erleben. Wer den anderen als Konkurrenten betrachtet, kann nicht entdecken, welche positiven Anlagen in ihm stecken und wie diese das eigene Leben bereichern könnten. Wenn zwei gegeneinander streiten, können sie nicht herausfinden, wie reich sie ein Miteinander machen würde. Statt sich ihr Leben gegenseitig zu erleichtern, isolieren sie sich. Sie werden einsam. Einsamkeit ist eine Grundbefindlichkeit des „modernen” Menschen.

2. Der gemeinschaftliche Gott

Nun könnte man meinen, daß Einsamkeit nicht nur eine Grundbefindlichkeit des Menschen, sondern auch Gottes sein muß. Denn Gott wird im christlichen Glauben als der verstanden, der letztlich über das Geschehen in der Welt bestimmt; der allein weiß, was gut und was böse ist. Ein Gott, der in himmlischer Höhe in sich selbst ruht, über die Welt regiert und gegen das Böse in der Welt und im Menschen kämpft, ohne von ihm in irgendeiner Weise beeinträchtigt zu sein - das kann eigentlich nur ein einsamer Gott sein.

Aber der christliche Glaube dachte sich Gott immer schon anders: Zum einen lebt Gott nicht in einsamer Selbstgenügsamkeit und Losgelöstheit von der Welt, sondern er begab sich in Jesus Christus in die Welt der Menschen hinein und lebte in ihr als verletzlicher, ausgelieferter Mensch. Weil Jesus Christus aber von Ewigkeit her zu Gott gehört, darum gehört Menschliches, ja Menschsein untrennbar zum Gottsein Gottes. Der Gedanke mag ungewohnt sein; aber Gottes Gottheit schließt Menschliches nicht aus, sondern gerade ein. Denn Gott ist Gott immer schon in der Einheit mit dem Menschen Jesus Christus.

Und zum andern regiert Gott nicht als totalitärer Alleinherrscher über die Welt, sondern er beteiligt Menschen liebevoll an seiner Herrschaft, indem er seinen heiligen Geist in sie hineingibt und sie dadurch von Grund auf verändert. Weil aber auch der heilige Geist von Ewigkeit her zu Gott gehört, darum gehört die liebevolle Beziehung zum Menschen untrennbar zum Gottsein Gottes.

Gott vereint in sich also erstens selbstbestimmtes Gottsein, zweitens verletzliches, fremdbestimmtes Menschsein und drittens liebevolles Bezogensein von Gott und Mensch. Kurz: Er vereint in sich Vater, Sohn und Heiligen Geist. So ist der eine und alleinige Gott nicht einfach Einer im mathematischen Sinn des Eins-seins, das alles Zwei-und-mehr-sein ausschließt; er ist kein einsames Wesen, sondern er ist Einer nur als Gemeinschaft von Dreien. Und er ist nicht einfach von allem, was von ihm selbst zutiefst verschieden ist, nämlich vom Menschen, geschieden, sondern er ist Gott nur so, daß ihm nichts Menschliches fremd ist. Und er ist schließlich nicht einfach auf sich selbst bezogen, sondern er ist liebevoll bezogen auf den von ihm selbst zutiefst verschiedenen Menschen.

Versteht man Gott, wie Christen es tun, als Person, so bedeutet dies, daß die Gemeinschaft ein Element der Personalität Gottes ist. Gott ist nur so Person, daß er Gemeinschaft ist. Der andere und die liebevolle Beziehung zu ihm gehören zum Personsein Gottes hinzu. Nur in der liebevollen Gemeinschaft, im Miteinander und Füreinander von Vater, Sohn und Heiligem Geist, ist Gott er selbst, nur so ist er der freie und zugleich liebevolle Gott. Gott ruht nur so in sich selbst, daß er in liebevoller Gemeinschaft zum anderen seiner selbst steht, ja, diese Gemeinschaft selbst ist. Gott kommt nur zu sich selbst, indem er zum anderen seiner selbst kommt; er bestimmt über sich selbst, indem er sich zur Liebe gegenüber dem anderen seiner selbst bestimmt.

3. Der gemeinschaftliche Mensch

Wie ich oben schon andeutete, verstehen wir Menschen uns heute vor allem als freie, selbstbestimmte Individuen. Wir sehen die Welt so, wie es uns unser individuelles Bewußtsein vorgibt. Wir beurteilen die Welt nach unseren Maßstäben. Wir sind das Zentrum unseres Verstehens und Erlebens. Wir versuchen, in uns selbst zu ruhen und mit allem, was wir sind, in uns selbst zu gründen. Als solche in sich selbst gegründete Individuen nehmen wir dann auch Kontakt zu unseren Mitmenschen auf. Wir gehen Beziehungen ein. Auch in diesen Beziehungen bleiben wir aber die eigenständige, autonome Person, die die Welt vom eigenen Bewußtsein aus in den Blick nimmt. Jede Beziehung, die wir eingehen, jedes Gegründetsein in der Gemeinschaft, ist sozusagen zweitrangig gegenüber unserem Gegründetsein in uns selbst. Zuerst sind wir selbständige, uns selbst genügende Personen, dann erst gehen wir aus uns heraus und öffnen uns für andere.

Anders ist es bei Gott: Er ruht gerade dadurch in sich selbst, daß er aus sich selbst herausgeht. Er genügt sich selbst nur so, daß er sich in Liebe dem anderen seiner selbst öffnet. In dieser Weise ist Gott Person, und so sollten auch wir Personen sein. Wir sind Menschen im Sinne Gottes, wenn wir unser Leben in der liebevollen Gemeinschaft zum anderen gründen. Der andere Mensch gehört zu unserem eigenen Menschsein untrennbar hinzu. Wir sind nicht zuerst selbständige Einzelne, sondern wir sind selbständig nur in der Gemeinschaft Vieler, die einander ergänzen und beistehen. Wir kommen zu uns selbst nicht durch Abgrenzung gegenüber den anderen, sondern durch die liebevolle Anteilnahme an ihrem Leben. Nicht durch Konkurrenz und Kampf gegen den anderen wird unser Leben reich, sondern durch Teilen, einander Ergänzen und Eingehen auf den anderen. In solchem Beistehen und Füreinander-leben erfährt unser Leben einen tiefen Sinn. Wir überwinden dann die Einsamkeit, in die wir geraten, wenn wir unsere eigenen Interessen in den Vordergrund stellen und uns von den anderen abgrenzen.

4. Der Sinn des Lebens

Leben, das am dreieinigen Leben Gottes orientiert ist, ist Leben in Gemeinschaft. Wer also sind wir? Wir sind - als Ebenbilder Gottes - nicht vorrangig auf uns selbst bezogen, sondern auf andere. Wir sind Beziehung, liebevolles Miteinander. Aus dem Miteinander Gottes mit uns kommen wir. Dieses Miteinander ist der Grund, aus dem heraus wir geschaffen sind, und soll nun auch der Grund unseres Lebens in der Welt sein. In das vollkommene Miteinander Gottes mit uns sollen wir einst zurückkehren. Durch dieses Miteinander hat unser Leben Bedeutung, Sinn. Wir schaffen uns den Sinn unseres Lebens nicht selbst. Der Sinn ist da. Kein Menschenleben ist ohne Sinn; wir müssen uns nur ihm öffnen, in ihm leben.

Wir wissen, wie sehr es uns an diesem liebevollen Miteinander mangelt. Wir sind nicht die Menschen, die dem Leben Gottes entsprechen. Wir selbst und die anderen hindern uns daran. Darum verfehlen wir auch immer wieder den Sinn, die Erfüllung unseres Lebens. Darum gibt es so unendlich viel Streit und Mißtrauen und die Angst, zu kurz zu kommen. Es bleibt uns nur, diese unsere Verfehlung und Unfähigkeit einzugestehen und Gott darum zu bitten, seine Beziehung zu uns immer neu zu beleben. Er kann uns verändern. Denn er ist nicht nur der selbstbestimmte Vater und der durch Menschsein bestimmte Sohn, sondern auch der die Beziehung zwischen Gott und Mensch belebende und erneuernde Heilige Geist. Und dieser Geist will nichts anderes, als uns zu Menschen zu machen, die in liebevoller Gemeinschaft mit Gott und mit unseren Mitmenschen leben; die gewiß sind, daß Gott uns alles geben wird, was wir zum Leben brauchen. Die gemeinsam mit dem Mitmenschen nach der Wahrheit suchen, gemeinsam Entscheidungen treffen, gemeinsam diese Welt gestalten und schützen. In solcher Gemeinschaft mit Gott und mit dem Mitmenschen mag es geschehen, daß wir uns das Leben nicht gegenseitig erschweren, sondern es uns leicht machen. Zu solcher Gemeinschaft sind wir berufen. Wir verlieren in ihr nichts, sondern wir gewinnen in ihr das, wonach wir doch alle suchen: die Heimat des Miteinanders.



Literaturhinweis:
Gisbert Greshake: Hinführung zum Glauben an den drei-einen Gott.
© Herder Verlag Freiburg im Breisgau 1998, 5. Auflage 2008.

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Foto oben: Träumer, © nobiA /
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