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Gott - Mensch geworden?

Gott - Mensch geworden?

Weihnachten - es wird Fest des Friedens genannt, Fest der Familie, und wir feiern es als das größte Fest im Jahr. Doch mit dem Frieden ist es gerade an den Feiertagen schwierig, die Familie kann sogar zur Last werden, und die Größe des Festes scheint vor allem in der Menge von Geschenken und arbeitsfreien Tagen zu bestehen. Die christlichen Kirchen beharren trotz allem darauf, der wahre Sinn von Weihnachten bestehe darin, daß Gott in einem Winkel dieser Welt vor etwa 2000 Jahren als Mensch zur Welt gekommen sei. Aber was bedeutet das eigentlich? Wie soll man sich das denn vorstellen, daß Gott Mensch wird? Ich möchte versuchen, dies in vier Aspekten kurz zu erklären.

1. Gott kommt uns in dem Menschen Jesus so nah, wie er uns näher gar nicht kommen kann.

Wir müssen zuerst mit einem alten Mißverständnis aufräumen: Gott ist nicht einer, der im Himmel fern der Erde thront und mit unserer Welt eigentlich nichts zu tun haben will. Wir sollten gar nicht nach oben schauen, wenn wir an Gott denken. Gott ist nämlich hier auf Erden, mitten unter uns (Mt 18,20). Er sucht geradezu unsere Nähe. Er will nicht fernab von unserem Leben seinen göttlichen Geschäften nachgehen. Er ist nicht der große Strippenzieher, der diese Welt aus sicherer Ferne regiert, ohne daß er sich das Weltgeschehen wirklich etwas angehen läßt. Das wäre ein einsamer Gott. Gott ist aber alles andere als einsam. Er ist Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Er hat als der Vater immer schon den Sohn und den Heiligen Geist bei sich und in sich. Der Sohn aber ist niemand anderes als der Mensch Jesus Christus - der Mensch, der in einem Stall Bethlehems geboren wurde. Das Wunder der Weihnacht besteht eigentlich darin: Gott ist nicht einfach nur göttlich, sondern auch menschlich. Er ist es von Ewigkeit her. Er ist ja nie ein anderer gewesen als der, der den Sohn, und das heißt den Menschen Jesus, bei sich hatte. Gott ist gerade in seiner Göttlichkeit immer auch Mensch. Seine Göttlichkeit besteht gerade darin, daß er von Ewigkeit her auch der Mensch Jesus ist, ohne seine Göttlichkeit zu verlieren. Wäre es anders, dann wäre die Menschwerdung Gottes nur eine Episode im Leben Gottes. Daß Gott Mensch wird, ist aber keine zeitlich begrenzte, sondern die ewige Wirklichkeit Gottes. Darum ist es auch keine Episode, daß Gott unsere Nähe sucht. Er wollte niemals ohne uns, ohne die Menschen Gott sein. Er war immer schon der Vater in Einheit mit dem Menschen Jesus, und er suchte immer schon die Einheit mit den anderen Menschen, mit uns, die wir uns von ihm entfernt haben. Darum ist Gott als Mensch in unsere Welt gekommen. Wie sollte Gott uns näher kommen als in einem Menschen, in einem Kind? Wie anders könnte er sich tiefer herablassen? Gott ist uns auch heute nah, ist auch heute tief in unserer Wirklichkeit, weiß um unsere Nöte und Schmerzen. Er läßt sich herab - nicht nur von 2000 Jahren, sondern auch heute.

2. Gott kommt zu uns nicht mit Macht und Zerstörung, sondern schwach und liebevoll wie ein Säugling.

Vor einem Gott, der den Weg in die Abgründe unserer Welt, unseres Lebens nicht scheut, braucht niemandem angst und bange zu werden. Wer fürchtet sich vor einem Kind? Vor einem mit Macht und Gewalt kommenden Gott müßten wir uns wohl fürchten. Er könnte uns ja vernichten, könnte unserem Treiben ein Ende bereiten, so wie wir es verdient hätten. Ein mit Macht und Gewalt kommender Gott könnte alle Leiden der Welt abschaffen, aber nur dadurch, daß er dieser Welt gewaltsam ein Ende bereitet. Dann wäre endlich Ruhe. Dann wäre Gott ohne seine Geschöpfe. Aber gerade das will er nicht sein. Gerade mit zerstörerischer Gewalt will er nicht kommen. Er kommt stattdessen als Kind - als wehrloser Säugling. Er kommt nicht mit der Macht eines Herrschers, der alles kann, was er will. Gott kommt zu uns mit einer anderen Art von Macht: mit der Macht der Liebe. Gott liebt die Menschen so sehr, daß er sich auf ihre Welt einläßt und dabei nichts ausläßt. Gottes irdisches Leben beginnt mit der Geburt in einem Stall und endet mit dem Tod am Kreuz. Nichts Irdisches ist Gott fremd. Kein Leid ist ihm unbekannt. Er fühlt mit uns, er kennt unsere Sorgen und Nöte. Er steht an unserer Seite, wenn unsere Welt zusammenbricht. Er weiß, was es heißt, ein wehrloses Kind zu sein, und was es heißt, qualvoll und verachtet zu sterben. Die Macht der Liebe scheint schwach zu sein. Aber es scheint nur so. In Wahrheit ist die Macht der Liebe die stärkste aller Mächte. Sie zerstört den anderen nicht, sondern gewinnt ihn. Sie vergewaltigt den anderen nicht, sondern wirbt um ihn. So ist Gott: Er droht dir nicht, er bedrängt dich nicht, sondern er bittet: „Laßt euch versöhnen mit Gott” (2 Kor 5,20). Die Gewalt befiehlt, die Liebe aber bittet. Gott liebt dich, ohne daß du Voraussetzungen dafür mitbringen mußt. Liebe ist immer voraussetzungslos. Das zeigt uns das Kind: Es kann nicht befehlen, es kann nur bitten. Und es liebt - einfach so, voraussetzungslos. So ist Gott.

3. Gott kommt, indem er das Leid des Menschseins trägt, auch in unser Leid hinein, um uns aus dem Leid herauszuholen.

Wer liebt, macht dem Geliebten Geschenke. Gott schenkt uns nicht dieses oder jenes, auch nicht ein sorgenfreies Leben, sondern er schenkt uns sich selbst. In dem Kind Jesus, in dem er zu uns gekommen ist. Er bleibt nicht in seiner himmlischen Höhe, in der er unberührt von allem Weltlichen sein Dasein fristen könnte, sondern er läßt sich auf die Nöte dieser Welt ein. Auch auf unsere ganz persönlichen Nöte. Und er will uns unsere Nöte abnehmen. Er möchte auch von uns ein Geschenk. Er möchte, daß wir all unsere Schmerzen, Sorgen und Traurigkeiten in ein Päckchen packen und es zu ihm in die Krippe legen. Das Kind wird damit fertig, denn es kennt keine Sorgen. Der erwachsene Jesus nimmt unser Sorgenpäckchen mit ans Kreuz. Ohne Bild gesprochen: Gott möchte, daß wir uns ihm anvertrauen, mit unseren Freuden und mit unseren Leiden. Er kennt unsere Not. Darum versteht er uns. Er hat ein offenes Ohr für unsere Nöte. So wie Jesus ein offenes Ohr hatte für die Nöte seiner Mitmenschen. Jesus ist seinen Weg durch das Leid der Welt gegangen bis hin zum Tod am Kreuz, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren. Sein Weg war nicht sinnlos und vergeblich. Es war der Weg der Liebe zu den Menschen und der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater. Keine Macht der Welt, keine Gewalttätigkeit und Grausamkeit konnte ihn davon abbringen. Er hat die Gewalt ertragen - und weitergeliebt. Auch für uns hat Gott einen Weg, der nicht sinnlos und vergeblich ist. Mag sein, daß wir viel Gewalt und Grausamkeit ertragen müssen. Mag sein, daß wir den Sinn nicht mehr sehen können. Doch wir können darauf vertrauen, daß Gott den Sinn kennt. Daß er uns ohne Ende liebt. Daß er auch uns Kraft zum Lieben geben möchte. Daß er uns schließlich in die vollkommene Gemeinschaft mit ihm selbst führen will, in der wir von allem Leid erlöst sein werden. Das Kind von Bethlehem ist uns diesen Weg vorausgegangen. Irdisch gesehen ist Jesus gescheitert. In Wahrheit ist er den Weg der Liebe gegangen und in der himmlischen Gemeinschaft mit seinem Vater angekommen. Nicht das Leid hat Gott besiegt, sondern Gott hat das Leid besiegt. Er hat es besiegt, indem er es an sich herangelassen, in sich aufgenommen hat. In Gott aber kann das Leid nicht von Dauer sein. Jesus starb zwar den Tod am Kreuz. Nach drei Tagen aber wurde er auferweckt. Darum ist kein Leid, das uns trifft, endgültig. Es mag uns noch schwer zusetzen. Aber in der Gewißheit, daß unsere Erlösung auf uns zu kommt, ist es leichter zu tragen. Das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis kann es nicht überwältigen (Joh 1,5).

4. Gott will nicht deine Betriebsamkeit, sondern dein Vertrauen, ebenso wie ein Säugling dein Vertrauen weckt.

Die Botschaft vom Weihnachtsfrieden, von Licht und Liebe hören wir jedes Jahr aufs Neue. Sie bringt ein Sehnen in uns zum Klingen, doch hören wir sie eigentlich nur wie Worte aus einer fremden, unrealistischen Welt. Das wahre Leben, unsere Erfahrungen sind anders. Wir sehnen uns zwar nach weihnachtlichem Frieden, aber wir erleben ihn nicht. Statt Frieden bestimmen uns Betriebsamkeit, Streß, Leistungsdruck und Streit. Uns zu behaupten wird von uns gefordert, nicht uns fallen zu lassen. Wir sehnen uns zwar nach Liebe, nach Frieden und Vertrauen; aber gut angesehen sind wir dann, wenn wir für die anderen etwas leisten. Aber Gott ist anders. Er will nicht unsere Leistung, sondern unser Vertrauen. Vielleicht würden wir ihm gern vertrauen. Aber Vertrauen läßt sich nicht erzwingen, es stellt sich nicht auf Befehl ein. Unser Vertrauen wurde vielleicht schon oft enttäuscht, und wir sind vorsichtig geworden. Wem können wir überhaupt noch vertrauen? Wird vielleicht auch Gott uns enttäuschen? Wer sagt uns, daß Gott vertrauenswürdig ist? Und wenn wir ihn enttäuschen - müssen wir dann nicht Angst vor ihm haben? Wird er uns dann nicht mit all seiner Macht und Gewalt der Hölle preisgeben? Die Weihnachtsgeschichte sagt: Gott ist absolut vertrauenswürdig. Denn niemand ist so vertrauenswürdig wie ein Neugeborenes. Auf ein Neugeborenes kannst du dich vorbehaltlos einlassen; denn es hat keine bösen Absichten. Es verurteilt dich nicht. Es schlägt dich nicht und zwingt dich zu nichts. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. So ist Gott: wie der neugeborene Jesus in der Krippe. Du kannst dich vorbehaltlos auf ihn einlassen und ihm vertrauen. Denn er hat nur gute Absichten mit dir. Er wird dich immer lieben und niemals seine Liebe zu dir aufgeben. Er wird an deiner Seite stehen, wenn es finster in dir ist. Er freut sich mit dir und weint mit dir. Er hat keine Hintergedanken und will dich nicht für seine Zwecke instrumentalisieren. Er gibt dich niemals auf. So ist Gott. Eben wie dieses Kind, dieser Säugling Jesus. Im Glauben an den Gott, der Mensch geworden ist, kannst du Frieden finden. Frieden in allem Unfrieden, der in dieser Welt noch herrscht. Und du kannst schon vorausblicken auf den großen, vollkommenen Frieden, der niemals ein Ende haben wird.