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Was ist der heilige Geist?

Was ist der heilige Geist?

Jedes Jahr zu Pfingsten feiern Christinnen und Christen in der ganzen Welt die Ausgießung des Heiligen Geistes. Doch was ist eigentlich dieser heilige göttliche Geist? Man könnte es sich mit einer Antwort leicht machen und sagen: Der Heilige Geist ist die Kraft Gottes, die Gott in die Menschen hinein gibt, so dass sie in seinem Sinne leben können. Diese Antwort ist auch nicht falsch. Aber sie ist sozusagen nur ein Teil der Wahrheit; denn der Heilige Geist wird in der Bibel nicht einfach als Kraft Gottes verstanden, sondern als eine der drei göttlichen „Personen” Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Heilige Geist ist also nicht nur Kraft, sondern Kraft und Person zugleich. Wie ist das zu verstehen?

1. Gott als handelndes Subjekt und Wirklichkeit des Handelnden

Nach Mt 12,28 sagt Jesus: „Wenn ich die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.” Es leuchtet unmittelbar ein, dass der Geist Gottes hier als eine Kraft beschrieben wird, die stärker ist als die Kraft der bösen Geister, von denen Menschen besessen sein können. Nur durch die göttliche Kraft des heiligen Geistes kann Jesus die bösen Geister vertreiben. Zugleich stellt Jesus aber fest, dass mit dieser Kraft das Reich Gottes zu den Menschen gekommen ist. Und das Reich Gottes ist nun nicht einfach eine Kraft, sondern eher ein Kraftfeld, ein Raum oder eine Sphäre, in der Gott zur Wirkung kommt und in die Menschen hineingenommen werden können. Gott kommt also zu uns als kraftvoll Wirkender, aber zugleich auch als die Wirklichkeit eines von seiner Kraft erfüllten Raumes, als eine von Gott geprägte raumzeitliche Wirklichkeit. Gott ist beides: der kraftvoll Wirkende und die Wirklichkeit seiner Kraft; der in der Welt Handelnde und die Sphäre seines Handelns; der Liebende und der Raum seiner Liebe; die liebende Person und die Wirklichkeitssphäre, die diese Person mit sich bringt. Beides steckt in dem Wort Joh 4,24: „Gott ist Geist.” Gott ist ein handelndes Subjekt, einer, der „Ich” sagt und als ein „Ich” handelt, und Gott ist zugleich die Wirklichkeit seines Handelns, das, was dieses „Ich” mit sich bringt.

Ich möchte dies an einem Beispiel erklären. Stellen Sie sich einen Menschen vor: Er geht seinen täglichen Verrichtungen nach, kommuniziert mit seinen Mitmenschen, hat eine ihm eigene Gestik und Mimik und eine bestimmte Ausstrahlung. Er wirkt mit alledem auf seine Umgebung ein. Ein Mensch ist also nicht nur der fest umgrenzte Bereich seines Körpers. Der Mensch endet nicht an seiner Haut. Zur Wirklichkeit eines Menschen gehört auch seine Einflusssphäre, seine Wirksamkeit nach außen, alles, womit er auf seine Mitmenschen wirkt. Wenn wir „Ich” sagen, meinen wir ja nicht nur unseren Körper oder gar nur unser Gehirn und auch nicht nur unser Bewusstsein; sondern „Ich” ist viel mehr: unsere ganze Wirksamkeit, unsere Einflussnahme, unser nach außen strömender Atem, unsere nach außen dringenden Worte, unsere Handlungen, die unser Umfeld beeinflussen und verändern. Wenn ich sage: „Ich setze mich für dich ein”, dann meine ich: Ich schaffe eine Wirklichkeit, die dir wohltut; ich wirke so auf unsere Welt ein, dass es dir wohlgeht. Und ich schaffe und bewirke nicht nur etwas, sondern ich bin selbst dieses Einwirken, bin ein Teil dieser dir wohltuenden Wirklichkeit. Zu meinem „Ich” gehören also nicht einfach nur meine Handlungen, sondern auch die Wirklichkeit, die sie schaffen, das, was von meinen Handlungen bei dir ankommt, was sie auslösen und bei dir bewirken. Doch es gibt noch eine andere Seite unseres „Ich”, sozusagen die umgekehrte: Zu unserem „Ich” gehört nämlich zugleich alles, was in jedem Moment unseres Lebens von außerhalb auf uns einströmt und uns beeinflusst: Es kommt von außen in uns hinein, und schon gehört es zu unserem „Ich”. „Ich” – das ist also mein Leben, mit dem ich einerseits in die Welt ausgreife und auf sie einwirke, und es ist andererseits mein Leben, das von der Welt geprägt und beständig verändert wird. „Ich” ist mein Lebensbereich mit allem, was von mir aus in die Welt fließt, aber auch mit dem, was von der Welt her in mich eingeht. „Ich” ist die Kraft, die von mir ausgeht und mit der ich auf diese Welt einwirke und zugleich die Kraft, die von außen her auf mich einwirkt und mich bestimmt.

Das kann uns ein sicherlich unvollkommenes Gleichnis, aber doch ein Gleichnis sein dafür, wie wir Gott verstehen können. Auch Gott ist nicht einfach eine abgegrenzte Person, ein überragender Verstand oder etwas Ähnliches, sondern er ist als Person zugleich die Wirklichkeit dieser Person, der Wirklichkeitsraum, den diese Person mit sich bringt; denn Gott und Jesus bringen mit sich das Reich Gottes. Und Gott ist auch insofern nicht eine abgegrenzte Person, als er von allem, was in der Welt passiert, unbeeinflusst wäre. Er lässt sich vielmehr davon berühren, anrühren, beeinflussen, ja, er leidet unter all dem Negativen, das es in der Welt gibt. Jesus zeigt uns, wie sehr Gott diese Welt liebt und gerade deshalb unter all dem Widrigen dieser Welt leidet.

2. Gott als Liebeswirklichkeit

Das Neue Testament unterscheidet ja Gott den Vater von Jesus, der als Gottes Sohn bezeichnet wird. Beide sind zu unterscheiden, aber sie sind doch in der Liebe zueinander eins, eine einzige Wirklichkeit. Beide bringen mit sich das Reich Gottes, das heißt, sie bilden ein gemeinsames Kraftfeld, eine gemeinsame Wirklichkeit. Darum ist Gottes Geist zugleich Christi Geist (vgl. Röm 8,9). Die gemeinsame Wirklichkeit von Vater und Sohn gibt es nur als gemeinsame Wirklichkeit des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Nur zusammen bilden sie die göttliche Liebeswirklichkeit, in der sie eins sind. Indem sie aber eins sind in der Liebe, unterscheiden sie sich auch voneinander, und zwar durch das, was sie füreinander sind und tun. Der Vater sendet den Sohn in die Welt, das heißt, er gibt Weg und Ziel vor. Der Sohn lässt sich vom Vater in die Welt senden, das heißt, er lässt sich auf den Weg des Vaters und sein Ziel ein und gibt sich an die Welt hin. Nur so bildet er die Liebe des Vaters ab, teilt er mit dem Vater seine Liebeswirklichkeit. Jesus sagt: „Wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat” (Joh 12,45), das heißt: Wer Jesus sieht, sieht die Liebe des Vaters. Der Sohn hat alles, was er hat, vom Vater (vgl. Joh 5,26f; 8, 26; 15,15). Er empfängt alles vom Vater und verherrlicht ihn dadurch (vgl. Joh 17,1f). Am Ende wird er dem Vater alles, was er von ihm empfangen hat, zurückgeben (vgl. 1 Kor 15,24). Der heilige Geist verbindet Vater und Sohn miteinander, er ist die Kraft der Gemeinschaft, des Miteinanders; darum spricht Paulus von der „Gemeinschaft des heiligen Geistes” (2 Kor 13,13; Phil 2,1).

Ich möchte auch dieses Miteinander der drei göttlichen Personen erläutern anhand eines menschlichen Gleichnisses, nämlich des Miteinanders von Menschen, die in Liebe einander verbunden sind. Ich hatte oben festgestellt, dass ich als Mensch auf mein Umfeld einwirke und zugleich selbst von diesem Umfeld geprägt werde; beides gehört zu meinem „Ich”. An dieser Stelle vermischen sich meine Kraft und die Kraft beispielsweise meines Mitmenschen. Wenn zwei Menschen sich begegnen, wirken ihre Kräfte aufeinander ein: Das, was der eine wirkt, wird zur Wirklichkeit des anderen, und das, was der andere wirkt, wird zur Wirklichkeit des einen. Beide können sich der gegenseitigen Einflussnahme nicht entziehen. Das gilt besonders für Menschen, die in Liebe miteinander verbunden sind. Zwei Menschen, die einander lieben, bilden gemeinsam ein Kraftfeld. Man kann sich dieser Kraft kaum entziehen. Wenn Sie schon einmal zwei Liebende beobachtet haben, wie sie einander anlächeln, aufeinander eingehen, liebevoll miteinander umgehen, dann werden Sie vielleicht gemerkt haben, wie die Freude der beiden aneinander sich auf Sie, den Beobachtenden, übertragen hat. Vielleicht mussten Sie selbst lächeln, als Sie die Liebenden einander anlächeln sahen. Ihre Liebe überträgt sich. Ihre erfreuende und belebende Kraft wirkt auf ihr Umfeld erfreuend und belebend. Die Liebenden schaffen eine Wirklichkeit, in der sie einander Raum zu erfülltem Leben geben, und diese Wirklichkeit ist nicht abgegrenzt gegenüber anderen Menschen, sondern sie bezieht sie ein und gibt auch ihnen Raum zu erfülltem Leben.

Die Liebenden sind also nicht einfach zwei Einzelne, die einander freundlich zugewandt sind, sondern sie sind eine Liebesgemeinschaft, eine Sphäre gemeinsamen Lebens, in die auch andere Menschen einbezogen werden können. Im Augenblick vollkommener Liebe sind die Liebenden nicht einfach zwei voneinander abgegrenzte Wirklichkeiten, sondern ihre beiden Wirklichkeiten verschmelzen zu einer einzigen Wirklichkeit, ohne dass die Liebenden ihre je eigene Wirklichkeit aufgeben. Die Liebenden sind nicht einfach zwei „Iche”, sondern zwei „Iche”, die im Augenblick des Liebens ein „Wir” bilden. So sind sie zwar zwei, aber in der Liebe eins – eine einzige Liebeswirklichkeit, die aus zwei diese Liebeswirklichkeit schaffenden Wirklichkeiten besteht. Beide Liebenden wollen dasselbe: eine einzige Wirklichkeit der Liebe schaffen, in der sie beide Raum zum Leben haben. So sind sie in ihrem Bestreben eins, zugleich aber voneinander unterschieden durch das, was sie jeweils füreinander tun und sind. Beides, ihre Einssein und ihr Unterschiedensein, bildet die eine Wirklichkeit der Liebe, in die sie gern alle anderen Menschen einbeziehen. Denn die Liebenden bleiben nie unter sich, sondern durch ihre Liebe sehen sie die ganze Welt in einem anderen, liebevollen Licht: Alles wird ihnen schön und liebenswert, jedenfalls so lange, wie es sich dieser Schönheit und Werthaftigkeit nicht eigenmächtig entzieht.

3. Gott als Einheit von Person und Wirklichkeit

Anhand dieses Gleichnisses können wir vielleicht auch die Liebe zwischen Gott dem Vater und Gott dem Sohn verstehen. In ihrer Liebe zueinander bilden sie eine einzige Wirklichkeit der Liebe, in der sie nicht unter sich bleiben in trauter Einsamkeit zu zweit, sondern in der sie sich öffnen für die Welt, die sie in ihre Liebe einbeziehen. Der heilige Geist ist diese geöffnete Liebe, die Liebessphäre, die Vater und Sohn miteinander bilden und in die sie die Welt einbeziehen. Als diese Liebeswirklichkeit gehört der heilige Geist untrennbar zum Ich von Vater und Sohn; er kann daher in der Bibel selbst wie ein Ich beschrieben werden. Es wird zum Beispiel vom Geist gesagt, dass er in die Wahrheit leitet (Joh 16,13), erinnert (Joh 14,26), lehrt und belehrt (Joh 12,12; 14,26) oder befiehlt (Apg 11,12). Er sendet die Apostel aus (Apg 13,4), setzt Menschen zu Vorstehern ein (Apg 20,28) hindert die Apostel am Verkündigen in einer bestimmten Gegend und gestattet ihnen eine Reise nicht (Apg 16,6f). Der Geist spricht (z.B. 2 Sam 23,2; 1 Kön 22,22.24; Apg 8,29), redet, was er hört (Joh 16,13) und ruft „Abba, Vater” (Gal 4,6; vgl. Röm 8,15). Das alles sind Tätigkeiten, die wir normalerweise nur von Personen aussagen. Dass sie vom Geist ausgesagt werden, der die Kraft Gottes ist, besagt, dass diese Kraft zugleich die Wirklichkeit der göttlichen Person ist; die Wirklichkeit des Gottes, der „Ich” sagt und mit sich ein Kraftfeld, eine Liebessphäre bringt, die alle menschlichen Kraftfelder und Liebeswirklichkeiten übersteigt und für das diese nur ein gänzlich unvollkommenes Gleichnis sein können.